Das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo

Den folgenden Artikel über den Holzschnitt „Das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo“ von Hans Zepter aus Düsseldorf fand ich im „Lippischen Dorfkalender auf das Jahr des Heils 1923“:

Das Hexenbürgermeisterhaus

Im hellen Tageslichte hat wohl schon mancher Leser vor der Krone der Lemgoer Renaissancebauten, dem Hexenbürgermeisterhause, gestanden, hat seine Augen über den volutenumsäumten Giebel schweifen lassen, der in vier hohen Stufen zur schlichten Dreieckbekrönung emporspringt, und besuchenden Freunden an den Erkern den reichen allegorischen Schmuck, hier Glaube und Hoffnung, dort Tapferkeit, Gerechtigkeit und Nächstenliebe, gezeigt und sie auf die Darstellung Christi mit der Weltkugel und Adam und Eva in ihrer etwas steifen Anmut aufmerksam gemacht, vielleicht auch nicht verfehlt, sie auf das feine, in seinen Holzteilen erhaltene Portal hinzuweisen, dessen unsymmetrische Anordnung rechts von der Mittelachse durch die darüberligende Säulenordnung klug verhüllt wird.

Das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo - Holzschnitt von Hans Zepter, Düsseldorf

Das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo – Holzschnitt von Hans Zepter, Düsseldorf

Aber auch der, oder gerade derjenige, welcher dieses Haus so genau kennt, wird von dem Holzschnitte Hans Zepters ergriffen sein. Das Hexenbürgermeisterhaus, ja, da hat es grausiges Leben, furchtbare Gestalt gewonnen! Wild stürmen die Voluten des Giebels in den wolkenjagenden, zerrissenen, brennenden Nachthimmel hinein, Fackelschein schreit über die Fassade hin, auf der Straße aber ballt sich das Volk von allen Seiten zusammen, und am Portale hört man das erregte Flüstern vornehmer Bürgerfrauen.

Und nun kommt es durch die enge „Breite Straße“ daher! es rumpelt der Wagen, es knarren die Räder, eine schaurige Totenmusik. Auf dem Wagen da sitzt es zusammengesunken vor dem Geistlichen, der die Hände gefaltet hat, auf dem Wagen da stiert es mit irren Augen auf die höhnende, schreiende, laufende, fluchende Menge, auf dem Wagen wird es zum Tode gefahren, das arme Weiblein, von dem es erst wisperte und flüsterte, daß es auch eine Hexe sei, und aus dem Meister David Claus dann mit den bestialischen Quälereien der Folter das Geständnis erpreßt hatte, daß auch es im Hexentanze sich geschwungen, wie der Oberstleutnant Abschlag, Brerendt Tospann, die Basinne, die Hofmeistersche und, hoch und niedrig, die anderen alle.

Im ganzen Gefühl seiner Würde aber schreitet hinter dem Karren her der „Hexenbürgermeister“ Hermann Cothmann, der gleich in seinem ersten Amtsjahre für fünfundzwanzig Hinrichtungen (!) seinen frommen Eifer bekundete und auch diese Hexe „ad majorem dei gloriam“, zum höheren Ruhm Gottes, vom Leben zum Tode gebracht.

Geht die Fahrt zum Holsterberge an den Galgen, wartet das Schwert „vor der Clus bei der Osterpforten gegenüber der Pagenhelle“ auf sein Opfer?

Das Hexenbürgermeisterhaus! Wild stürmen die Voluten seines Giebels in den wolkenjagenden, zerrissenen, brennenden Nachthimmel, und greller Fackelschein schreit über seine reichgeschmückte Fassade hin! – Das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo! R.

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Über Martina Berg (40 Artikel)
Fotografin, Autorin, Bloggerin, Bogenschützin und Antiquarin aus dem Lipperland. Mein Antiquariat "Die Bücher-Berg" finden Sie unter www.martinaberg.com. Eine Übersicht meiner weiterer Projekte steht rechts im Menü.

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