Bericht über das Weserunglück von 1925

Am 90. Jahrestag des tragischen Manöver-Unglücks auf der Weser zwischen Veltheim und Varenholz hatte ich einen Artikel veröffentlicht, in dem ich kurz auf die Geschehnisse eingegangen bin. Außerdem habe ich Ihnen einige Denkmale gezeigt, die in Veltheim, Detmold und Hameln noch heute an die 81 Toten erinnern. Heute möchte ich Ihnen einen zeitgenössischen Bericht präsentieren, der das Unglück ausführlich schildert:

Das Lippische Ausbbildungs-Bataillon und das Weserunglück in Veltheim

vom Bataillonskommandanten Schmidtmann

Erschienen im „Lippischen Kalender auf das Jahr 1926 nach Christi Geburt“.

Zierleiste über dem Originalartikel von 1926

Zierleiste über dem Originalartikel von 1926

Die Ausbildungsbatallione sind eine Einrichtung im deutschen Heere, die uns durch den Versailler Friedensvertrag vorgeschrieben ist. Jedes unserer 21 Infanterie-Regimenter hat außer 3 Vollbatallionen noch ein Ausbildungsbatallion dessen Hauptaufgabe es ist, die Rekruten für das Regiment auszubilden. Die Ausbildung dauert ½ Jahr, sodann werden die Rekruten zu den Vollbatallionen geschickt, um deren inzwischen freigewordenen Stellen auszufüllen.

Am 31. März dieses Jahres (1925) war die Ausbildung des größten Teils der Rekruten bei Detmolder Ausbildungsbatallion (des 18. Infanterie-Regiments) beendet. Die kriegsmäßige Übung an der Weser war der Abschluß der vorangegangenen Ausbildungsperiode.

Die Übung fand südlich von Minden, im Raume zwischen dem Wesergebirge und der Weser statt; an ihr nahmen Truppenteile der Standorte Minden, Bückeburg, Hameln, Detmold, Paderborn, Osnabrück und Münster teil. — Der Gefechtsausgabe entsprechend die zur „blauen Partei” gehörende 14, 15 und 16. Kompanie des Detmolder Bataillons in der Morgendämmerung des 31. März 1925 von Detmold mit einer Kraftwagenkolonne, die tags zuvor aus Münster eingetroffen war, an die Weser bei Veltheim befördert. Hier sollten die Kompanien von Teilen des Pionierbatallions 6 (Minden) auf einer sogenannten Gierfähre kriegsmäßig übergesetzt werden. Zum Schutze dieses Flugübergangs, gegen den von Minden und Bückeburg zu erwartenden „roten Feind“, hatte der „blaue Führer“ auf den höhen nördlich von Veltheim mit anderen Teilen der blauen Partei eine Verteidigungsstellung eingenommen.

Die aus Pontons bestehende Gierfähre lag bereits seit 7 Uhr vormittags auf der Weser zum Übersetzen bereit. Durch den Versailler Friedensvertrag ist das einem Pionierbatallion zur Verfügung stehende Brückengerät so knapp bemessen, daß es für den Bau einer Kolonnenbrücke über die Weser bei dem hohen Wasserstande nicht ausreichte. Infolgedessen mußte man sich am 31. März mit einer Gierfähre begnügen.

Sofort nach dem Eintreffen der Kompanien des Ausbildungsbatallions an der Fährstelle wurde mit dem Übersetzen der Truppe begonnen. Bei der zweiten Überfahrt ereignete sich das Unglück. Als die Fähre etwa die Mitte des Stromes erreicht hatte, bekamen die dem Verteiler Ufer zugekehrten Pontons Wasser, worauf ein teil der Offiziere, Unteroffiziere und Schützen infolge der schrägen Lage der Fähre in die Fluten abrutschte. Die hierauf folgenden Ereignisse gingen so schnell vor sich, daß eine zuverlässige Schilderung von Einzelheiten nicht möglich ist. Nach ganz kurzer Zeit lagen alle Offiziere, Unteroffiziere und Schützen, die sich auf der Fähre befunden hatten, im Wasser.

Bei den vielen Soldaten, die in der starken Strömung um ihr Leben Rangen, und dem großen Durcheinander im Wasser war die Durchführungen Rettungsmaßnahmen besonders schwierig. Hinzu kam noch, daß die Angehörigen des Ausbildungs-Batallions den Bestimmungen entsprechend in Feldausrüstung waren. Ein Ponton, welcher den Verunglückten zu Hilfe kam, schlug um. Einem anderen Ponton gelang es mehrere Soldaten zu retten. Auch die Fährleute H u d und T e l l e r m a n sowie andere Verteiler Bürger beteiligten sich eifrig an dem Rettungswerke. Einige Verunglückte wurden von ihren Kameraden gerettet. Anderen, denen es unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte gelang, bis in die Nähe des Veltheimer Ufers zu kommen, wurden von am Ufer stehenden Veltheimer Bürgern Stangen gereicht, mit deren Hilfe die Erschöpften an Land gezogen wurden. Ein Teil der Soldaten konnte sich durch Schwimmen retten. Das Ausbildungspersonal des Bataillons und eine große Anzahl Rekruten konnten schwimmen. Manche von ihnen aber mussten ihre Versuche, Kameraden zu retten, mit dem leben bezahlen, weil sie von den des schwimmen nichtkundigen in die Tiefe gerissen wurden.

Das Unglück ereignete sich um 9.50 Uhr vormittags. Die Zeit konnte später einwandfrei an den zu dieser zeit stehen gebliebenen Uhren der im Wasser gelegenen Offiziere, Unteroffiziere und Schützen festgestellt werden.

Die Geretteten fanden zunächst unter aufopfernder Mithilfe des anwesenden Zivilpersonen in dem Fährhause und den anderen Häusern Veltheims liebevolle Aufnahme; an Stelle der durchnässten Uniformstücke wurden ihnen von den Einwohnern Veltheims Kleidungsstücke gegeben. Später wurden die Geretteten in dem Gasthof „ Zum Bahnhof“ in Veltheim in geheizten Räumen untergebracht. Hier fanden sich im Laufe des Vor- und Nachmittags noch mehrere Gerettete ein, über deren Schicksal bisher nichts bekannt geworden war. Infolgedessen war zu hoffen, daß noch weitere Soldaten mit dem leben davon gekommen und in benachbarten Dörfern untergebracht waren. Leider blieben aber alle Nachforschungen, bei denen das Bataillon von den gemeinden und Behörden weitestgehend unterstützt wurde, erfolglos. In den Abendstunden konnten 2 ertrunkene Schützen geborgen werden.

Nachdem die geretteten Offiziere, Unteroffiziere und Schützen genügend gekräftigt waren, fuhr der erst des Bataillons 8.19 Uhr abends mit der Bahn nach Detmold zurück, wo sie gegen 11 Uhr eintrafen. die an dem Unglück nicht beteiligte 15. Kompanie war bereits nachmittags mit Lastkraftwagen nach Detmold zurückgekehrt.

Gedicht von Oberschütze Bremshey, 15/18

Gedicht von Oberschütze Bremshey, 15/18

Das Endergebnis der Ermittlungen nach dem Verbleib der noch fehlenden Angehörigen des Bataillons war erschütternd. Von der 14. Kompanie waren 2 Unteroffiziere und 32 Schützen, von der 16. Kompanie 5 Unteroffiziere und 39 Schützen ertrunken. Außerdem hatten noch ein Offizier der Kraftfahrabteilung 6 (Münster), 1 Pionier und der Hauptmann Brandt aus Varenholz, welcher die Fähre mitbenutzt hatte, weil der Betrieb der Zivilfähre der Übung wegen eingestellt war, in den Wellen den Tod gefunden. Von den 78 ums Leben gekommenen Kameraden des Bataillons waren beheimatet: 13 in Lippe, 29 in der Provinz Westfalen, 13 in der Provinz Hannover, 14 in der Rheinprovinz und 9 in anderen Provinzen und Ländern des deutschen reiches. Ihre Namen wurden am 1. April in der Tagespresse bekanntgegeben und später noch einmal in den drei Detmolder Zeitungen im Nachruf des Bataillons zusammenfassend genannt.

Gleich am Tage nach dem Unglück begann das Pionier-Batallion 6 planmäßig mit der Bergung der ertrunkenen Soldaten; die mit der Weser vertrauten Fischer leisteten dabei wertvolle Hilfe. Zur weiteren Unterstützung fanden sich noch der Reichswasserschutz, die technische Rothilfe und ein Raucherkommando der Marinestation der Nordsee aus Wilhelmshafen an der Unglücksstelle ein. Den Bergungsaufgaben stellten sich jedoch infolge der starken Strömung und vieler Untiefen im Wesergrunde außerordentliche Schwierigkeiten entgegen, so daß in den ersten Tagen nur wenige Verunglückte geborgen werden konnten. — Auch für das Ausbildungsbatallion hatte mit dem 31. März 1925 eine Zeit voll trauriger und aufreibender Arbeit begonnen. Aber die Liebe zu den verstorbenen Kameraden und das soldatische Pflichtgefühl halfen allen über die schwere Zeit hinweg.

Am Freitag, den 3. April, wurden die ersten geborgenen Opfer des Weserunglücks zur ewigen Ruhe geleitet. Kurz vor der Beerdigung bzw. Überführung in die Heimat fand auf Veranlassung des Reichswehrministeriums in Detmold eine große, einfache aber eindrucksvolle Trauerfeier für sämtliche verunglückten Kameraden und deren Hinterbliebenen, die sich in großer Zahl eingefunden hatten, statt. Dank tatkräftiger Mithilfe der Vertreter der Stadt Detmold konnten die Räume, in denen die Feier stattfand, vorher würdig hergerichtet werden.

Ehrentafel der beim Weserunglück am 31. März 1925 verunglückten lippischen Soldaten

Ehrentafel der beim Weserunglück am 31. März 1925 verunglückten lippischen Soldaten

Infolge der rastlosen fundaufopfernden Tätigkeit der an den Bergungsarbeiten Beteiligten war es möglich, sämtliche bei dem Weserunglück Ertrunkenen innerhalb von 3 Wochen zu Bergen. Von den verunglückten Kameraden des Bataillons sind — dem Wunsche ihrer Angehörigen entsprechend — 70 in ihre Heimat überführt worden; 8 Unteroffiziere und Schützen wurden in Detmold auf dem Ehrenfriedhof beigesetzt. Inmitten pflichttreuer Ausübung ihres Berufs hatte es sie alle ein hartes Soldatenschicksal jäh aus dem Leben gerissen. — Ehre ihrem Andenken! Sch.

Zum Bericht über Denkmale für das Weserunglück 1925 in Veltheim, erschienen am 90. Jahrestag.

Über Martina Berg (40 Artikel)
Fotografin, Autorin, Bloggerin, Bogenschützin und Antiquarin aus dem Lipperland. Mein Antiquariat "Die Bücher-Berg" finden Sie unter www.martinaberg.com. Eine Übersicht meiner weiterer Projekte steht rechts im Menü.

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